artist

 

docth

alias

dr.med.thorsten franke

 Orthopäde - Diplom-Sportlehrer

action painting


 

Skandale können Künstlerkarrieren befördern,

zumal dann, wenn sie der Mythenbildung dienen.

So soll der junge Jackson Pollock (1912 – 1956)

seiner Karriere einen entscheidenden Schub verliehen

haben, als er 1944 auf einer Party der reichen

Mäzenin, Kunsthändlerin und Sammlerin

Peggy Guggenheim, die im Jahr zuvor in ihrer New

Yorker Galerie „Art of This Century“ seine erste

Einzelausstellung ausgerichtet hatte, vor allen Gästen

den rebellischen „bad boy“ gab – und betrunken

in das Kaminfeuer pinkelte

docth gehört zu den Repräsentanten

der Appropriation, wobei er stets

nach freien kreativen Reproduktionen arbeitet. Jedoch

handelt es sich keineswegs um Fälschungen,

denn docth handelt nicht in betrügerischer Absicht

und lässt auch keinen Zweifel daran, dass

seine Werke Wiederholungen sind. Niemals kopiert

er Signatur und Datierung, und stets betitelt

er seine Werke nach demselben Schema: Dem

Wort „Not“ folgen der Name des kopierten Künstlers

und in Klammern Titel und Entstehungsjahr

des Werks. Er habe mit der Aneignung angefangen,

bemerkte der Künstler einmal im Interview,

weil er eine Kunst machen wolle, die verführerisch

und zugleich subversiv und entmystifizierend sei,

indem sie Tabus erforsche. Der Betrachter solle

scheinbar Altbekanntes auf neuartige Weise wahrnehmen

und die Bilder schliesslich als das akzeptieren,

was sie sind – so etwa Not Pollock, sondern

docth

Aber lässt sich ein Gemälde von Jackson Pollock

überhaupt kopieren? Pollock hatte, inspiriert von

Max Ernst und der surrealistischen écriture automatique,

1947 seine „Drip“-Technik entwickelt, bei

der er die Farbe mit Pinseln auf die meist grossformatige,

auf dem Boden liegende Leinwand spritzte

und schleuderte oder auch direkt aus den Farbdosen

auf den Bildträger schüttete. Bei dieser Form

des „Action Painting“ – einer Spielart des amerikanischen

abstrakten Expressionismus, bei welcher

der Malakt im Vordergrund steht – ist die

Malfläche über und über mit gestischen, ineinander

verwobenen, nie genau berechenbaren Farbspuren

und -strukturen überzogen, die aus den

tänzerischen Körperbewegungen des Künstlers

resultieren. Im Malprozess halten sich spontane

und reflexive Momente die Waage. Das 1952 entstandene,

über zwei Meter hohe und fast vier Meter

breite Ölbild Convergence: Number 10

ist hierfür ein charakteristisches Beispiel: Über

einem dichten Gewebe aus schwarzen Farbrhythmen

liegt ein sorgfältig austariertes Netz aus Flecken,

Spuren und Spritzern in den drei Grundfarben

Rot, Blau, Gelb sowie in Weiss.

docths Werke sind hingegen mit Lack-, nicht mit

ölfarbe gearbeitet und  kleiner als die Vorbilder.

Da docth nicht mit technischen Hilfsmitteln

arbeitet im Gegensatz etwa zu Klaus Mosettig

 sondern seine Wiederholung in freier,

gestischer Malerei vornimmt, handelt es sich naturgemäss

im Detail keineswegs um eine 1:1-Kopie

von Pollocks All-over-Malerei. Dennoch gelingt es

docth in bewundernswerter Weise, den Gesamteindruck,

die räumliche Wirkung, die Dynamik und

den Farbklang von Pollocks Gemälden zu evozieren.

docths Werke sind wohl weniger ein ironischer

Angriff als vielmehr eine Hommage an einen Künstler,

dessen Werk und Malweise Subjektivität und

Individualität in extremer Weise verkörpern und

der sich so dem kopierenden Zugriff entzieht –

weswegen er die vielleicht grösste Herausforderung

für einen Appropriationisten wie docth

darstellt.